Agony of Flies, page 14
Philosophen, die alles dazwischen wissen.
Es könnte sein, daß er sich durch Kürze um alles gebracht hat, was an Sätzen lohnt, ihr An- und Abschwellen, Steigen und Fallen, Unglück und Glück. Es könnte sein, daß Sätze nicht gepreßt sein sollten, kein Destillat, sondern eine immerquellende Fülle. Dann hat er sich während aller Jahre des Schreibens um das gebracht, was ihre Lust gewesen wäre und diese Askese der Kargheit vergeblich gepriesen.
Die schrecklichste Geschichte fand ich heute, in den Erinnerungen einer Frau, der Misia Sert. Ich nenne es die Fliegenpein und setze sie wörtlich her:
»Eine meiner kleinen Schlafgefährtinnen war eine Meisterin in der Kunst des Fliegenfangens geworden. Geduldige Studien an diesen Tieren hatten es ihr ermöglicht, genau die Stelle zu finden, durch die man die Nadel stechen mußte, um sie aufzufädeln, ohne daß sie starben. Sie verfertigte sich auf diese Weise Ketten aus lebenden Fliegen und geriet in Entzücken über das himmlische Gefühl, das ihre Haut bei der Berührung der kleinen verzweifelten Füße und zitternden Flügel empfand.«
Von allen Seiten dringt sie ein, die Wehleidigkeit. Sie gilt gar nicht dir selbst. Sie gilt den anderen, die du leben siehst. Du erträgst die Schmerzen nicht, die sie erleiden. Du willst alles von ihnen abwenden, was zu Schmerzen führt. Was ist das?
Es ist die Folge dessen, daß du nichts anerkennen kannst, wie es ist. Aber auch nicht, was war, was schon vorüber ist, vermagst du anzuerkennen. Alle Geschichte für dich ist falsch. Du liest sie mit zitterndem Herzen. Du willst sie rückgängig machen. Wie macht man Geschichte rückgängig? Durch neue Qualen?
Man soll aus seiner Empfindlichkeit keine Tugend machen. Man mag sie erfahren, und so wie man sie erfahren hat, bewahren. Aber man soll sich mit ihr nicht schmücken. Sie macht den, der sich mit ihrer Ordensreihe brüstet, süchtig. Er braucht mehr und mehr Empfundenes, das er herzeigen kann, und wenn er keines hat, erfindet er’s, und es ist danach, erlesen, brüchig, vermodert.
Nebeneinanderlegen darfst du die Sätze schon, sie mögen einander sehen, und wenn es sie reizt, dürfen sie einander berühren. Mehr nicht.
Wenn er Hölle sagt, ist es, als hätte er seine Strafe darin schon abgebüßt und sei zu jedermanns Zufriedenheit entlassen worden.
Es gibt Diener des Reichtums und Diener des Ruhms. Unschuldig sind beide nicht: sie erwarten Abfälle.
In der Erwartung, mit der dich jeder neue Mensch erfüllt, bist du ein Kind geblieben. In der Enttäuschung danach, sehr rasch ein grimmiger Greis.
Es fehlt ihm die Bewegung von sich weg. Auch wenn er reist – er bleibt immer in eigener Nähe. Er vergißt nie, daß er da ist. Was er sich nimmt, gebührt ihm, denn er hat sich’s genommen. Für ihn ist die Welt da, die anderen sind Illustrationen.
Das Wissen, indem es wächst, verändert seine Gestalt. Es gibt keine Gleichmäßigkeit im wirklichen Wissen. Alle eigentlichen Sprünge erfolgen seitwärts, Rösselsprünge.
Was geradlinig und voraussehbar weiterwächst, ist bedeutungslos. Entscheidend ist das gekrümmte und besonders das seitliche Wissen.
Dort lesen die Leute zweimal im Jahr die Zeitung, übergeben sich und gesunden.
Dort haben Länder keine Hauptstadt. Die Leute siedeln sich alle an den Grenzen an. Das Land bleibt leer.
Hauptstadt ist die ganze Grenze.
Dort träumen die Toten und tönen als Echo.
Dort begrüßen sich Menschen mit einem Schrei der Verzweiflung und verabschieden sich mit Jubel.
Dort stehen die Häuser leer und werden stündlich gefegt: für künftige Generationen.
Dort schließt ein Beleidigter für immer die Augen und öffnet sie heimlich, wenn er allein ist.
Dort beißt man rasch und insgeheim zu und sagt: Ich nicht.
Dort sagt man »du bist« und meint »ich wäre«.
Dort erkennt man Ahnen, für Zeitgenossen ist man blind.
Verweile doch, sagt man und holt den Henker.
Einer, um nicht alt zu sein, reist unaufhörlich.
Ein anderer, in derselben Absicht, hält sich vollkommen still.
Im Alter werden die Vorurteile gefährlich. Man ist stolz auf sie. Man ist ihnen dankbar, so als wären sie es, die einem das Leben bewahrt haben. Sie werden auf sonderbarste Weise sehr spät noch aktiv. Man kann sogar von einer Spätblüte der Vorurteile sprechen. Sie werden nicht mehr bekämpft, man setzt ihnen keinen Widerstand entgegen. Man zieht sie einzeln hervor und besieht sie mit Nachsicht, Produkte einer reichhaltigen Lebenszeit, bewährte Kostbarkeiten, unausschöpfbare Reste. Wenn jemand sie einem vorhält: aber das sind doch Vorurteile! – stimmt man entzückt zu. Wären ihrer nur mehr! Hätte man nicht manche von ihnen auf dem Wege verloren! Der Vorurteilsbesitzer hat sein Gewicht und er fühlt es. Junge, die noch kaum welche haben, sind für ihn Spreu im Wind. Der Vorurteilsbesitzer ist entschlossen, nicht das Geringste von sich, das andere ärgert, aufzugeben.
Alle unvergessenen Gesichter. Seit einigen Jahren kommen keine neuen dazu. Wer jetzt in mein Leben tritt, holt sich aus dem Haufen ein Gesicht. Ich helfe ihm dabei. Er ist nicht er selbst, er ist wie irgendwer aus dem Haufen.
Wie lächerlich, daß man geliebt sein will und sich kennt.
Den größten Teil der Zeit verbringen Ameisen untätig. Revolution in der Vorstellung von Ameisen.
Kein Traum ist je so unsinnig wie seine Erklärung.
Von der ungeheuren Hinterlassenschaft der Antike sind das Lebendigste die Verwandlungen.
Ihre Wirkungen sind noch immer unerschöpflich. Sie werden nie zu erschöpfen sein.
Wer früh von ihnen erfahren hat, ist – selbst heute – nie verloren. Es ist von den Wundern das Einzige, das glaubwürdig geblieben ist.
Der öffnende Wind Büchners, in jedem Satz. Diesen Wind kenne ich nur von ihm. Es ist kein Atem, es ist Wind, oder Wind statt Atem. Man denkt nicht an ihn, es weht, es nimmt einem jede Schwäche und jeden Hochmut.
Ein vergleichbarer Wind ist in der Bibel, aber schwerer, man kommt nicht ohne Anstrengung wieder weg, man hat Mühe mit seiner Freiheit. Büchners Wind ist Freiheit, zu jedem.
Von den Tieren redet viel, wer sich der Menschen schämt.
Er sortiert die Augenblicke, bis sie erlöschen.
S. kommt mit dem Schrecken zuerst, er droht gleich mit dem Furchtbarsten, was er den anderen zudenkt. Hitler hat es anfangs verborgen und dann allmählich enthüllt. Die Steigerung hat er sich immer vorbehalten.
Eine der Hauptwaffen S.’s ist die Achtung des Lebens bei Amerikanern (und Engländern). Er setzt dagegen die Leichtfertigkeit im Umgang mit Menschenleben auf seiner Seite. 53000 Opfer habe die Rückeroberung von Fao gekostet, viel mehr als die Amerikaner zehn Jahre Krieg in Vietnam.
Nie ist das Rechnen mit Leichenhaufen so nackt ausgesprochen worden. S. ist ein Assyrer, er hat auch nicht vergessen, wie die Mongolen Herren von Bagdad wurden. Die Geschichte hört nie auf. Am wirksamsten ist sie in Machthabern, die in ihr Vorbild und Ansporn finden.
Die Welt ist in rasende Bewegung geraten. Solche Beschleunigungen kennt man von Kriegen und Revolutionen. Jetzt aber ist es eine Bewegung an sich, vor Kriegen oder ohne sie, und auch die Revolutionen sind vielsinnig geworden.
Es sind Bewegungen der Massen, und zwar in neuer Dynamik, die niemand noch durchschaut hat; darum schwer verständlich, und mit häufig wechselnden Vorzeichen.
Man ist für sie, weil sie Erstarrungen lösen, es müßte einer schon sehr verdorrt sein, der sie nicht begrüßt. Aber wie sie ausgehen werden, kann niemand sagen. Eines zeigt sich, das unwiderlegbar ist: es gibt keinen voraussehbaren Gang der Geschichte. Sie ist immer offen. In ihrem Sinn handelt niemand, da niemand ihn kennt. Wahrscheinlich ist, daß es ihn nicht gibt. Das würde bedeuten, daß sie in ihrer Offenheit immer beeinflußbar ist, sozusagen in unseren Händen. Vielleicht sind diese Hände zu schwach, um etwas in ihr auszurichten. Aber da wir auch das nicht wissen, sollen wir’s versuchen.
Im Geist voller Inhalte haben Vorurteile eine andere Funktion: Dämme des Abwartens.
Nun stehen sie alle zusammen auf, und statt ihn zu beschuldigen, betrachten sie ihn verwundert.
Betrachtet mich, ich bin’s. Erkennt mich, daß ich euch erkenne. Sagt mir, wo ihr wart. Habt ihr lange geschlafen. Ich habe euch gehütet, kein Haar ging euch verloren. Ihr seid da. Ihr seid da. Ihr seid da.
Auf verschiedenen Wegen seid ihr gekommen. Ich habe ausgeschaut nach euch, jede Nacht schlief ich ein, um nach euch Ausschau zu halten und hinkte enttäuscht von Nacht zu Nacht.
Ich sehe euch, endlich, und warte auf ein Wort. Es wird das Schönste sein, das schönste Wort aller Sprachen, und da ihr mir’s überliefert, entspringt ihm die neue Sprache.
Kann man es Sehnsucht nennen, daß ich so lange gewartet habe. Nein, es ist mehr. Denn dieses Warten hat euch vor jeder Veränderung bewahrt.
Als letztes verlor er die Namen. Ohne daß er’s gewahr wurde, lösten sie sich auf in seinem. Er spürte ihre Grenzen nicht mehr, und wenn er sie hörte, wußte er nicht, daß sie’s waren. Er merkte nicht mehr, wie sehr sie ihm grollten. Er vergaß, was Ranküne war. Niemand war hungrig. Satte auf allen Straßen. Er lud Passanten zu sich ein, sie zogen es vor, sich zu verirren. Schatten und Personen gingen getrennt.
Er braucht Größere als sich, um mit ihnen zu prahlen.
Als er die letzte Geisel entließ, brach er zusammen und gab den Geist auf. – Weltherrschaft aus Geiseln.
Natürlich ist es richtig, daß ich zu ihnen gehöre, die die Umstrittensten sind. Aber nur aus diesem Grund.
Sonst gehöre ich zu jedem, der ein Gesicht hat.
Er sagt es wieder und wieder, tausendmal sagt er’s wieder, wenn dieses Leben noch beschämender wäre, er gäbe es nicht auf.
Es ist verwirrend und es bleibt unergründlich.
Wenn diese Intelligenz, die der Mensch nun einmal hat, überhaupt etwas bedeutet, dann sicher, daß sie alles, was sie einsieht, anficht.
Statt der Tiere hält er sich an ihre Formen. Die werden nicht gemordet.
Welcher Dichter hat nicht zu seiner Fliege gesprochen?
Wen erkenne ich nicht an seiner Fliege?
Wer hält sich nicht eine Fliege, die für ihn trippelt?
Sehr alt blühte er noch auf und erzählte eine Lügengeschichte nach der anderen. Allen, die ihn hören wollten, rannte er nach. Man bedrängte ihn bis in den Schlaf, und er sprach immer weiter. Solange er sprach, vermochte er nicht zu sterben. Er wurde so alt wie der älteste Mensch, sogar älter. Ein wahrer Strom von Lügen entsprang ihm, fast alle neu, und wer ihn so sah, verzweifelte nicht und rechnete zuversichtlich mit zwei-, dreihundert Jahren.
Alles erregt ihn: ein Brief, ein Gespräch. Alles von außen versetzt ihn in Unruhe. Am unruhigsten wird er, wenn man ihn zum Sprechen verleitet. Dann bricht er los, und er merkt, wie unverbraucht er voller Kräfte lebt. Das Leben, das er führt, ist falsch. Er müßte in höchster Aktivität sein und sich die Steigerung erlauben, zu der ihn alles drängt. Aber er sagt nein, rechts und links nein und ist stolz auf seine Enthaltsamkeit, und kräht Würde.
Daß man bestehen muß, obwohl andere bestehen, die ganz anders sind, daß man es wissen muß und nicht sein darf wie die, die ganz anders sind, daß man ihnen gerecht werden muß, obwohl sie anders bleiben werden –
wie schwer, wie unsäglich schwer!
Wenn die Neugier nachläßt, liest er wieder einen Griechen. Da will er alles noch einmal wissen.
Vielleicht wußte er nichts. Aber das eine wußte er wohl: was es bedeutet, nicht mehr da zu sein.
Die Größe Pascals beruht auf seiner Selbstbeschränkung. Nie hat es eine gegeben, die beredter war. Immer fiel er sich in die Rede. So liest sie sich, als wäre sie eben erfolgt und eben von ihm selber unterbrochen worden. Alle kleineren und größeren Sätze, alle Stücke von Sätzen sind wie von heute.
Wäre es ein Gebot der Anständigkeit, das vermeintlich Beste, das man geschrieben hat, Satz für Satz durchzugehen und zu widerlegen? Nein, denn man wäre dann einer von den Leuten, die die eine Hälfte des Lebens rabiat für etwas kämpfen und die andere Hälfte rabiat für das Gegenteil.
Man soll sich nicht widerlegen. Anstand ist nur: verstummen.
Hast du denn wirklich gedacht, daß ein achtjähriger Krieg nichts von sich hinterläßt?
S. ist diese Hinterlassenschaft.
Wenn ich noch zu dem komme, was groß war, so groß, daß es sich aufgespart hat, wenn ich noch erfahren werde, daß es erlaubt ist, es so zu nennen, wird von mir nichts übrig sein und ich werde wissen, in Ruhe wissen, daß ich dafür gelebt habe, in seine Nähe zu gelangen.
Dann werde ich mich auch nicht für das Wort ›groß‹ schämen, denn was unerlaubt daran ist, habe ich zeitlebens bekämpft.
Die Länder mit ihren Sprachfahnen und wie sie losklatschen aufeinander.
Einer, der noch nie allein war, trifft auf einen, der immer allein war.
Alle Verlorenen, die Geld haben. Kaufen, kaufen, kaufen, bis sie ersticken.
Alle Glücklichen, die wünschen können, was nicht zu kaufen ist.
Babels Tagebücher, aus dem Jahre 1920. Man erfährt daraus, daß Babel unter den Juden, die er mit Budjonnys Reiterarmee traf, nicht als Jude galt.
Die Tagebücher, aus denen die Erzählungen abgeleitet sind, enthalten viel, es war ein wüstes volles Leben, das er im Krieg unter den Kosaken führte. Die Erzählungen wirken reicher und unmittelbarer. Erinnerung erst gibt Erfahrung ihre eigentliche Unmittelbarkeit.
Babel wurde 1939 verhaftet und schon 1940 in der Lubianka erschossen.
Vor mehr als sechzig Jahren habe ich ihn zuerst gelesen. Sein Ansehen hat sich mir durch nichts, was ich seither gelesen habe, verringert.
Unter allen neueren Russen ist er mir der nächste. Meine Erinnerung an seinen tiefen Respekt vor Gogol und seine Verehrung Maupassants hat mich, wie ich jetzt sehe, nicht getrogen. Über Dostojewski und über Tolstoi hat er kaum zu mir gesprochen.
Das Gesehene bei Babel ist seine Welt, wie sie entsteht.
Das Gehörte bei ihm sind die Juden. Die Eigenart seiner Erzählungen ist die Art, wie sein Gesehenes sich mit seinem Gehörten durchdringt.
Wie er sich vor Juden versteckt, denen er nicht weniger zugehört als Gorki, einem Russen, und dem Franzosen Maupassant. Immerhin offeriert er jenen eine jüdische Mutter – eine Verbindung, durch die er ihnen ganz unverständlich wird.
Etwas Wesensfremderes als Krieg kann es für Babel nicht geben. Eben darum hat er sich dem Kriege auszusetzen. Was den Kosaken bestialische Freude ist, ist ihm nichts als Qual. Aber er muß es genau sehen, Qual ist keine Redensart für ihn.
Im Tagebuch ist das Sehen noch manchmal zu getreu, in den Erzählungen nie.
Babels Verfolgungsgefühl begann früh, durch die Pogrome. Durch die Beteiligung an der Revolution sucht er sich davon zu befreien. Er gerät in den Krieg und dadurch erst recht in die Nähe von Pogromen. Was er in den Erzählungen schreibt, verschafft ihm die Feindschaft führender Kriegsfiguren. Damit beginnt sein Untergang durch die Schergen der Revolution. Vom Erscheinen der ›Reiterarmee‹ an bis zu seinem Ende führt er den Kampf um sein Leben. Er macht sich mit den Trägern der Verfolgung eng vertraut, er verkehrt mit ihrem Oberhaupt. Er weiß, was ihm bevorsteht. Er weiß auch, daß es ihm durch sein Schreiben bevorsteht. Sein Schreiben ist dadurch gelähmt, er versucht es durch ein vorgeschütztes, künstliches Schreiben zu verdecken. Unvorstellbar ist die Angst, in der er gelebt haben muß. Er sieht es alles klar. Noch im Gefängnis bemüht er sich um Manuskripte. Sie sind der Wortlaut der Gefahr. Es ist wahrscheinlich, daß er am Leben geblieben wäre, wenn er nicht geschrieben hätte.
Du hast nichts vorausgesehen. Du warst glücklich über die Abwendung der ungeheuren Gefahr, die über der Erde hing. Die Folgen dieser Abwendung hast du nicht zu Ende gedacht, schon um in der Freude zu bleiben.
Aber hat irgendwer etwas vorausgesehen? Ist es vielleicht nicht so, daß jede Voraussicht unmöglich geworden ist und wir nur als Blinde planen?
Es ist, als ob nichts mehr verbindlich wäre, was dir durch den Kopf geht. Es geschieht sozusagen nur dir.
Früher war an Gedanken ein offenes Ende da, das ohne Aufhebens nach anderen suchte. Das, könnte man sagen, war die Hoffnung des Gedankens. Je entschiedener ich ihn abbrach, umso mehr Hoffnung behielt der Gedanke. Bei jeder Berührung, heimlich, dehnte er sich aus. Es müßte geschildert werden, wie Gedanken zwischen Menschen wachsen.
Heute bricht sich der Gedanke vergeblich ab. Die Lust auf andere, auf das Abenteuer in anderen, ist ihm abhanden gekommen. So mag es systematischen Denkern immer zumute sein. Was ich als Lustlosigkeit der Jahre empfinde, gilt ihnen als Legitimation zu ihrem Denken.
Er hat sich mit dem Wort Qual verbündet und sucht es auf Chinesisch.
Die Wortverwüster – was habe ich mit ihnen zu schaffen? Was bleibt von den Mythen unter ihren Messern?
Lob, beleidigend durch das, was es ausläßt.
Tolstois rohe Altersauffassung des Geschlechts: seine Kraft. Er kann gegen sich angehen, ohne zum Schwätzer zu werden. Ein Mensch, der sich bekämpft, muß etwas zum Bekämpfen haben. Tolstois Bosheit ist seine Gier, für die seine Frau sich an ihm rächt. Beide wollen sich dafür strafen: sie für die Vergewaltigung, der sie nachgab, er für die Gier, die ihn dazu zwang.
Wer sich den Tod nicht ausreden läßt, hat am meisten Religion.
Zwischen den Tempeln der Jahrtausende der lächerliche Läufer. Alles will er zum Andenken für sich. Das Bild der Pyramide – sein Grabmal.
Es bleibt wenig übrig von dem, was man sich jung erträumt. Aber das Gewicht dieses Wenigen!
Diese letzte Konfrontation, das Ablaufen der Tage – jetzt sind es nur noch zehn – hat das Glück des vergangenen Jahres zerstört. Ich beginne mich dieses Glückes wie einer kindischen Hoffnung zu schämen.
Der Mond ist für mein Auge in drei Stücke zerbrochen.
Der Tod, als Mittel der Macht, kann nicht plötzlich aufhören. Es ist aber ein Prozeß denkbar, der dazu führt. Vor einem Jahr konnte man noch denken, daß dieser Weg beschritten ist. Aber dieses Jahr, dieses herrliche Jahr ist um, und wir sind wieder, wo wir waren.
Alle vergeblichen Gefühle, wie die der Tiere, bevor sie geschlachtet werden.
Der Machthaber verfügt nach Belieben über seine Feinde, mal so, mal so. Vielleicht bleibt es endlich dabei, daß S. gehen muß. Was nimmt er mit? Wo verbringt er den Rest seiner Tage? Man sieht ihn vor sich als Hundertjährigen, wie er Knaben über den Kopf fährt.
Es könnte sein, daß er sich durch Kürze um alles gebracht hat, was an Sätzen lohnt, ihr An- und Abschwellen, Steigen und Fallen, Unglück und Glück. Es könnte sein, daß Sätze nicht gepreßt sein sollten, kein Destillat, sondern eine immerquellende Fülle. Dann hat er sich während aller Jahre des Schreibens um das gebracht, was ihre Lust gewesen wäre und diese Askese der Kargheit vergeblich gepriesen.
Die schrecklichste Geschichte fand ich heute, in den Erinnerungen einer Frau, der Misia Sert. Ich nenne es die Fliegenpein und setze sie wörtlich her:
»Eine meiner kleinen Schlafgefährtinnen war eine Meisterin in der Kunst des Fliegenfangens geworden. Geduldige Studien an diesen Tieren hatten es ihr ermöglicht, genau die Stelle zu finden, durch die man die Nadel stechen mußte, um sie aufzufädeln, ohne daß sie starben. Sie verfertigte sich auf diese Weise Ketten aus lebenden Fliegen und geriet in Entzücken über das himmlische Gefühl, das ihre Haut bei der Berührung der kleinen verzweifelten Füße und zitternden Flügel empfand.«
Von allen Seiten dringt sie ein, die Wehleidigkeit. Sie gilt gar nicht dir selbst. Sie gilt den anderen, die du leben siehst. Du erträgst die Schmerzen nicht, die sie erleiden. Du willst alles von ihnen abwenden, was zu Schmerzen führt. Was ist das?
Es ist die Folge dessen, daß du nichts anerkennen kannst, wie es ist. Aber auch nicht, was war, was schon vorüber ist, vermagst du anzuerkennen. Alle Geschichte für dich ist falsch. Du liest sie mit zitterndem Herzen. Du willst sie rückgängig machen. Wie macht man Geschichte rückgängig? Durch neue Qualen?
Man soll aus seiner Empfindlichkeit keine Tugend machen. Man mag sie erfahren, und so wie man sie erfahren hat, bewahren. Aber man soll sich mit ihr nicht schmücken. Sie macht den, der sich mit ihrer Ordensreihe brüstet, süchtig. Er braucht mehr und mehr Empfundenes, das er herzeigen kann, und wenn er keines hat, erfindet er’s, und es ist danach, erlesen, brüchig, vermodert.
Nebeneinanderlegen darfst du die Sätze schon, sie mögen einander sehen, und wenn es sie reizt, dürfen sie einander berühren. Mehr nicht.
Wenn er Hölle sagt, ist es, als hätte er seine Strafe darin schon abgebüßt und sei zu jedermanns Zufriedenheit entlassen worden.
Es gibt Diener des Reichtums und Diener des Ruhms. Unschuldig sind beide nicht: sie erwarten Abfälle.
In der Erwartung, mit der dich jeder neue Mensch erfüllt, bist du ein Kind geblieben. In der Enttäuschung danach, sehr rasch ein grimmiger Greis.
Es fehlt ihm die Bewegung von sich weg. Auch wenn er reist – er bleibt immer in eigener Nähe. Er vergißt nie, daß er da ist. Was er sich nimmt, gebührt ihm, denn er hat sich’s genommen. Für ihn ist die Welt da, die anderen sind Illustrationen.
Das Wissen, indem es wächst, verändert seine Gestalt. Es gibt keine Gleichmäßigkeit im wirklichen Wissen. Alle eigentlichen Sprünge erfolgen seitwärts, Rösselsprünge.
Was geradlinig und voraussehbar weiterwächst, ist bedeutungslos. Entscheidend ist das gekrümmte und besonders das seitliche Wissen.
Dort lesen die Leute zweimal im Jahr die Zeitung, übergeben sich und gesunden.
Dort haben Länder keine Hauptstadt. Die Leute siedeln sich alle an den Grenzen an. Das Land bleibt leer.
Hauptstadt ist die ganze Grenze.
Dort träumen die Toten und tönen als Echo.
Dort begrüßen sich Menschen mit einem Schrei der Verzweiflung und verabschieden sich mit Jubel.
Dort stehen die Häuser leer und werden stündlich gefegt: für künftige Generationen.
Dort schließt ein Beleidigter für immer die Augen und öffnet sie heimlich, wenn er allein ist.
Dort beißt man rasch und insgeheim zu und sagt: Ich nicht.
Dort sagt man »du bist« und meint »ich wäre«.
Dort erkennt man Ahnen, für Zeitgenossen ist man blind.
Verweile doch, sagt man und holt den Henker.
Einer, um nicht alt zu sein, reist unaufhörlich.
Ein anderer, in derselben Absicht, hält sich vollkommen still.
Im Alter werden die Vorurteile gefährlich. Man ist stolz auf sie. Man ist ihnen dankbar, so als wären sie es, die einem das Leben bewahrt haben. Sie werden auf sonderbarste Weise sehr spät noch aktiv. Man kann sogar von einer Spätblüte der Vorurteile sprechen. Sie werden nicht mehr bekämpft, man setzt ihnen keinen Widerstand entgegen. Man zieht sie einzeln hervor und besieht sie mit Nachsicht, Produkte einer reichhaltigen Lebenszeit, bewährte Kostbarkeiten, unausschöpfbare Reste. Wenn jemand sie einem vorhält: aber das sind doch Vorurteile! – stimmt man entzückt zu. Wären ihrer nur mehr! Hätte man nicht manche von ihnen auf dem Wege verloren! Der Vorurteilsbesitzer hat sein Gewicht und er fühlt es. Junge, die noch kaum welche haben, sind für ihn Spreu im Wind. Der Vorurteilsbesitzer ist entschlossen, nicht das Geringste von sich, das andere ärgert, aufzugeben.
Alle unvergessenen Gesichter. Seit einigen Jahren kommen keine neuen dazu. Wer jetzt in mein Leben tritt, holt sich aus dem Haufen ein Gesicht. Ich helfe ihm dabei. Er ist nicht er selbst, er ist wie irgendwer aus dem Haufen.
Wie lächerlich, daß man geliebt sein will und sich kennt.
Den größten Teil der Zeit verbringen Ameisen untätig. Revolution in der Vorstellung von Ameisen.
Kein Traum ist je so unsinnig wie seine Erklärung.
Von der ungeheuren Hinterlassenschaft der Antike sind das Lebendigste die Verwandlungen.
Ihre Wirkungen sind noch immer unerschöpflich. Sie werden nie zu erschöpfen sein.
Wer früh von ihnen erfahren hat, ist – selbst heute – nie verloren. Es ist von den Wundern das Einzige, das glaubwürdig geblieben ist.
Der öffnende Wind Büchners, in jedem Satz. Diesen Wind kenne ich nur von ihm. Es ist kein Atem, es ist Wind, oder Wind statt Atem. Man denkt nicht an ihn, es weht, es nimmt einem jede Schwäche und jeden Hochmut.
Ein vergleichbarer Wind ist in der Bibel, aber schwerer, man kommt nicht ohne Anstrengung wieder weg, man hat Mühe mit seiner Freiheit. Büchners Wind ist Freiheit, zu jedem.
Von den Tieren redet viel, wer sich der Menschen schämt.
Er sortiert die Augenblicke, bis sie erlöschen.
S. kommt mit dem Schrecken zuerst, er droht gleich mit dem Furchtbarsten, was er den anderen zudenkt. Hitler hat es anfangs verborgen und dann allmählich enthüllt. Die Steigerung hat er sich immer vorbehalten.
Eine der Hauptwaffen S.’s ist die Achtung des Lebens bei Amerikanern (und Engländern). Er setzt dagegen die Leichtfertigkeit im Umgang mit Menschenleben auf seiner Seite. 53000 Opfer habe die Rückeroberung von Fao gekostet, viel mehr als die Amerikaner zehn Jahre Krieg in Vietnam.
Nie ist das Rechnen mit Leichenhaufen so nackt ausgesprochen worden. S. ist ein Assyrer, er hat auch nicht vergessen, wie die Mongolen Herren von Bagdad wurden. Die Geschichte hört nie auf. Am wirksamsten ist sie in Machthabern, die in ihr Vorbild und Ansporn finden.
Die Welt ist in rasende Bewegung geraten. Solche Beschleunigungen kennt man von Kriegen und Revolutionen. Jetzt aber ist es eine Bewegung an sich, vor Kriegen oder ohne sie, und auch die Revolutionen sind vielsinnig geworden.
Es sind Bewegungen der Massen, und zwar in neuer Dynamik, die niemand noch durchschaut hat; darum schwer verständlich, und mit häufig wechselnden Vorzeichen.
Man ist für sie, weil sie Erstarrungen lösen, es müßte einer schon sehr verdorrt sein, der sie nicht begrüßt. Aber wie sie ausgehen werden, kann niemand sagen. Eines zeigt sich, das unwiderlegbar ist: es gibt keinen voraussehbaren Gang der Geschichte. Sie ist immer offen. In ihrem Sinn handelt niemand, da niemand ihn kennt. Wahrscheinlich ist, daß es ihn nicht gibt. Das würde bedeuten, daß sie in ihrer Offenheit immer beeinflußbar ist, sozusagen in unseren Händen. Vielleicht sind diese Hände zu schwach, um etwas in ihr auszurichten. Aber da wir auch das nicht wissen, sollen wir’s versuchen.
Im Geist voller Inhalte haben Vorurteile eine andere Funktion: Dämme des Abwartens.
Nun stehen sie alle zusammen auf, und statt ihn zu beschuldigen, betrachten sie ihn verwundert.
Betrachtet mich, ich bin’s. Erkennt mich, daß ich euch erkenne. Sagt mir, wo ihr wart. Habt ihr lange geschlafen. Ich habe euch gehütet, kein Haar ging euch verloren. Ihr seid da. Ihr seid da. Ihr seid da.
Auf verschiedenen Wegen seid ihr gekommen. Ich habe ausgeschaut nach euch, jede Nacht schlief ich ein, um nach euch Ausschau zu halten und hinkte enttäuscht von Nacht zu Nacht.
Ich sehe euch, endlich, und warte auf ein Wort. Es wird das Schönste sein, das schönste Wort aller Sprachen, und da ihr mir’s überliefert, entspringt ihm die neue Sprache.
Kann man es Sehnsucht nennen, daß ich so lange gewartet habe. Nein, es ist mehr. Denn dieses Warten hat euch vor jeder Veränderung bewahrt.
Als letztes verlor er die Namen. Ohne daß er’s gewahr wurde, lösten sie sich auf in seinem. Er spürte ihre Grenzen nicht mehr, und wenn er sie hörte, wußte er nicht, daß sie’s waren. Er merkte nicht mehr, wie sehr sie ihm grollten. Er vergaß, was Ranküne war. Niemand war hungrig. Satte auf allen Straßen. Er lud Passanten zu sich ein, sie zogen es vor, sich zu verirren. Schatten und Personen gingen getrennt.
Er braucht Größere als sich, um mit ihnen zu prahlen.
Als er die letzte Geisel entließ, brach er zusammen und gab den Geist auf. – Weltherrschaft aus Geiseln.
Natürlich ist es richtig, daß ich zu ihnen gehöre, die die Umstrittensten sind. Aber nur aus diesem Grund.
Sonst gehöre ich zu jedem, der ein Gesicht hat.
Er sagt es wieder und wieder, tausendmal sagt er’s wieder, wenn dieses Leben noch beschämender wäre, er gäbe es nicht auf.
Es ist verwirrend und es bleibt unergründlich.
Wenn diese Intelligenz, die der Mensch nun einmal hat, überhaupt etwas bedeutet, dann sicher, daß sie alles, was sie einsieht, anficht.
Statt der Tiere hält er sich an ihre Formen. Die werden nicht gemordet.
Welcher Dichter hat nicht zu seiner Fliege gesprochen?
Wen erkenne ich nicht an seiner Fliege?
Wer hält sich nicht eine Fliege, die für ihn trippelt?
Sehr alt blühte er noch auf und erzählte eine Lügengeschichte nach der anderen. Allen, die ihn hören wollten, rannte er nach. Man bedrängte ihn bis in den Schlaf, und er sprach immer weiter. Solange er sprach, vermochte er nicht zu sterben. Er wurde so alt wie der älteste Mensch, sogar älter. Ein wahrer Strom von Lügen entsprang ihm, fast alle neu, und wer ihn so sah, verzweifelte nicht und rechnete zuversichtlich mit zwei-, dreihundert Jahren.
Alles erregt ihn: ein Brief, ein Gespräch. Alles von außen versetzt ihn in Unruhe. Am unruhigsten wird er, wenn man ihn zum Sprechen verleitet. Dann bricht er los, und er merkt, wie unverbraucht er voller Kräfte lebt. Das Leben, das er führt, ist falsch. Er müßte in höchster Aktivität sein und sich die Steigerung erlauben, zu der ihn alles drängt. Aber er sagt nein, rechts und links nein und ist stolz auf seine Enthaltsamkeit, und kräht Würde.
Daß man bestehen muß, obwohl andere bestehen, die ganz anders sind, daß man es wissen muß und nicht sein darf wie die, die ganz anders sind, daß man ihnen gerecht werden muß, obwohl sie anders bleiben werden –
wie schwer, wie unsäglich schwer!
Wenn die Neugier nachläßt, liest er wieder einen Griechen. Da will er alles noch einmal wissen.
Vielleicht wußte er nichts. Aber das eine wußte er wohl: was es bedeutet, nicht mehr da zu sein.
Die Größe Pascals beruht auf seiner Selbstbeschränkung. Nie hat es eine gegeben, die beredter war. Immer fiel er sich in die Rede. So liest sie sich, als wäre sie eben erfolgt und eben von ihm selber unterbrochen worden. Alle kleineren und größeren Sätze, alle Stücke von Sätzen sind wie von heute.
Wäre es ein Gebot der Anständigkeit, das vermeintlich Beste, das man geschrieben hat, Satz für Satz durchzugehen und zu widerlegen? Nein, denn man wäre dann einer von den Leuten, die die eine Hälfte des Lebens rabiat für etwas kämpfen und die andere Hälfte rabiat für das Gegenteil.
Man soll sich nicht widerlegen. Anstand ist nur: verstummen.
Hast du denn wirklich gedacht, daß ein achtjähriger Krieg nichts von sich hinterläßt?
S. ist diese Hinterlassenschaft.
Wenn ich noch zu dem komme, was groß war, so groß, daß es sich aufgespart hat, wenn ich noch erfahren werde, daß es erlaubt ist, es so zu nennen, wird von mir nichts übrig sein und ich werde wissen, in Ruhe wissen, daß ich dafür gelebt habe, in seine Nähe zu gelangen.
Dann werde ich mich auch nicht für das Wort ›groß‹ schämen, denn was unerlaubt daran ist, habe ich zeitlebens bekämpft.
Die Länder mit ihren Sprachfahnen und wie sie losklatschen aufeinander.
Einer, der noch nie allein war, trifft auf einen, der immer allein war.
Alle Verlorenen, die Geld haben. Kaufen, kaufen, kaufen, bis sie ersticken.
Alle Glücklichen, die wünschen können, was nicht zu kaufen ist.
Babels Tagebücher, aus dem Jahre 1920. Man erfährt daraus, daß Babel unter den Juden, die er mit Budjonnys Reiterarmee traf, nicht als Jude galt.
Die Tagebücher, aus denen die Erzählungen abgeleitet sind, enthalten viel, es war ein wüstes volles Leben, das er im Krieg unter den Kosaken führte. Die Erzählungen wirken reicher und unmittelbarer. Erinnerung erst gibt Erfahrung ihre eigentliche Unmittelbarkeit.
Babel wurde 1939 verhaftet und schon 1940 in der Lubianka erschossen.
Vor mehr als sechzig Jahren habe ich ihn zuerst gelesen. Sein Ansehen hat sich mir durch nichts, was ich seither gelesen habe, verringert.
Unter allen neueren Russen ist er mir der nächste. Meine Erinnerung an seinen tiefen Respekt vor Gogol und seine Verehrung Maupassants hat mich, wie ich jetzt sehe, nicht getrogen. Über Dostojewski und über Tolstoi hat er kaum zu mir gesprochen.
Das Gesehene bei Babel ist seine Welt, wie sie entsteht.
Das Gehörte bei ihm sind die Juden. Die Eigenart seiner Erzählungen ist die Art, wie sein Gesehenes sich mit seinem Gehörten durchdringt.
Wie er sich vor Juden versteckt, denen er nicht weniger zugehört als Gorki, einem Russen, und dem Franzosen Maupassant. Immerhin offeriert er jenen eine jüdische Mutter – eine Verbindung, durch die er ihnen ganz unverständlich wird.
Etwas Wesensfremderes als Krieg kann es für Babel nicht geben. Eben darum hat er sich dem Kriege auszusetzen. Was den Kosaken bestialische Freude ist, ist ihm nichts als Qual. Aber er muß es genau sehen, Qual ist keine Redensart für ihn.
Im Tagebuch ist das Sehen noch manchmal zu getreu, in den Erzählungen nie.
Babels Verfolgungsgefühl begann früh, durch die Pogrome. Durch die Beteiligung an der Revolution sucht er sich davon zu befreien. Er gerät in den Krieg und dadurch erst recht in die Nähe von Pogromen. Was er in den Erzählungen schreibt, verschafft ihm die Feindschaft führender Kriegsfiguren. Damit beginnt sein Untergang durch die Schergen der Revolution. Vom Erscheinen der ›Reiterarmee‹ an bis zu seinem Ende führt er den Kampf um sein Leben. Er macht sich mit den Trägern der Verfolgung eng vertraut, er verkehrt mit ihrem Oberhaupt. Er weiß, was ihm bevorsteht. Er weiß auch, daß es ihm durch sein Schreiben bevorsteht. Sein Schreiben ist dadurch gelähmt, er versucht es durch ein vorgeschütztes, künstliches Schreiben zu verdecken. Unvorstellbar ist die Angst, in der er gelebt haben muß. Er sieht es alles klar. Noch im Gefängnis bemüht er sich um Manuskripte. Sie sind der Wortlaut der Gefahr. Es ist wahrscheinlich, daß er am Leben geblieben wäre, wenn er nicht geschrieben hätte.
Du hast nichts vorausgesehen. Du warst glücklich über die Abwendung der ungeheuren Gefahr, die über der Erde hing. Die Folgen dieser Abwendung hast du nicht zu Ende gedacht, schon um in der Freude zu bleiben.
Aber hat irgendwer etwas vorausgesehen? Ist es vielleicht nicht so, daß jede Voraussicht unmöglich geworden ist und wir nur als Blinde planen?
Es ist, als ob nichts mehr verbindlich wäre, was dir durch den Kopf geht. Es geschieht sozusagen nur dir.
Früher war an Gedanken ein offenes Ende da, das ohne Aufhebens nach anderen suchte. Das, könnte man sagen, war die Hoffnung des Gedankens. Je entschiedener ich ihn abbrach, umso mehr Hoffnung behielt der Gedanke. Bei jeder Berührung, heimlich, dehnte er sich aus. Es müßte geschildert werden, wie Gedanken zwischen Menschen wachsen.
Heute bricht sich der Gedanke vergeblich ab. Die Lust auf andere, auf das Abenteuer in anderen, ist ihm abhanden gekommen. So mag es systematischen Denkern immer zumute sein. Was ich als Lustlosigkeit der Jahre empfinde, gilt ihnen als Legitimation zu ihrem Denken.
Er hat sich mit dem Wort Qual verbündet und sucht es auf Chinesisch.
Die Wortverwüster – was habe ich mit ihnen zu schaffen? Was bleibt von den Mythen unter ihren Messern?
Lob, beleidigend durch das, was es ausläßt.
Tolstois rohe Altersauffassung des Geschlechts: seine Kraft. Er kann gegen sich angehen, ohne zum Schwätzer zu werden. Ein Mensch, der sich bekämpft, muß etwas zum Bekämpfen haben. Tolstois Bosheit ist seine Gier, für die seine Frau sich an ihm rächt. Beide wollen sich dafür strafen: sie für die Vergewaltigung, der sie nachgab, er für die Gier, die ihn dazu zwang.
Wer sich den Tod nicht ausreden läßt, hat am meisten Religion.
Zwischen den Tempeln der Jahrtausende der lächerliche Läufer. Alles will er zum Andenken für sich. Das Bild der Pyramide – sein Grabmal.
Es bleibt wenig übrig von dem, was man sich jung erträumt. Aber das Gewicht dieses Wenigen!
Diese letzte Konfrontation, das Ablaufen der Tage – jetzt sind es nur noch zehn – hat das Glück des vergangenen Jahres zerstört. Ich beginne mich dieses Glückes wie einer kindischen Hoffnung zu schämen.
Der Mond ist für mein Auge in drei Stücke zerbrochen.
Der Tod, als Mittel der Macht, kann nicht plötzlich aufhören. Es ist aber ein Prozeß denkbar, der dazu führt. Vor einem Jahr konnte man noch denken, daß dieser Weg beschritten ist. Aber dieses Jahr, dieses herrliche Jahr ist um, und wir sind wieder, wo wir waren.
Alle vergeblichen Gefühle, wie die der Tiere, bevor sie geschlachtet werden.
Der Machthaber verfügt nach Belieben über seine Feinde, mal so, mal so. Vielleicht bleibt es endlich dabei, daß S. gehen muß. Was nimmt er mit? Wo verbringt er den Rest seiner Tage? Man sieht ihn vor sich als Hundertjährigen, wie er Knaben über den Kopf fährt.

