Agony of Flies, page 11
Das Heitere der Erinnerung: der Überschuß.
In der Steuerung besteht die Kunst der Erinnerung.
Was man beiseite liegen läßt, was man umgeht.
Das Rare und das Gehäufte.
Was sich vordrängt: entstellte Figuren, die sich berichtigen müssen. Wie kommt es, daß man manches am Leben halten will und anderes gar nicht?
Das Verdünnte will sich runden, durch Sprechen. Aus einem einzigen Wort sollen wieder alle Sätze werden. Zusammenhänge, die man zum erstenmal begreift. Die Unwürdigkeit amorpher Aneinanderreihung. Was man anderen getan hat, holt sie zum Leben herauf. Man ist ein Schuldner wie aus vielen Existenzen, obwohl man nur diese eine gelebt hat.
Jeder Mensch weiß mehr, als sich in einem neuen langen Leben erzählen ließe.
Wovon ist die Auswahl bestimmt? Von einer einzigen Farbe des Gefühls: von Dankbarkeit oder Bitterkeit, Sehnsucht oder Haß.
In einer anderen Sprache würde man sich anders erinnern. Das wäre genauer zu untersuchen, und bist du nicht eben der Richtige, es zu tun?
Lob des Alters
Ein Alter zu erreichen, das man sich wünscht, nicht weil es ein ideales Alter gibt, sondern weil man die Vorstellungloswerden soll, daß es ein Alter gibt, das für alle zu bevorzugen wäre.
Diese Vorstellung habe ich nie gehabt. Erfahrung wollte ich, die Kenntnis nämlich vieler Menschen, Zeit zu dieser Kenntnis, sodaß man sie immer wieder bedenken kann, nach langen Pausen, in denen sie vielleichtfür einen verschwunden waren.
Es ist eine wunderbare Vorstellung, ein- und denselben Menschen zehn- oder zwölfmal zu kennen, ihm so oft zu begegnen, als habe man ihn nie gekannt, aber ohne die Erinnerung an ihn verloren zu haben, ihn mit sich, nicht nur mit anderen zu vergleichen. Die Tradition, die ein Mensch in einem gewinnt, durch die Jahre, in denen man von ihm gewußt hat, genügt nämlich nicht. Sie setzt Rost an, und dazu sollte einem jeder Mensch zu gut sein. Wohl aber gibt es die Möglichkeit, daß der Einzelne sich für einen zu dem Vielfachen bündelt, das er ja auf alle Fälle ist, und dazu braucht man neue Begegnungen mit ihm, nach langen Pausen. In anderen Worten würde das bedeuten, daß man sich nie an einen Menschen gewöhnt. Daß man über ihn staunt, als hätte er sich einem noch nie dargestellt, einem nichts angetan, einen nicht beglückt. Die Erwartung, die man jedem neuen Menschen entgegenbringt, hätte man dann auch für solche, die man schon vor Jahrzehnten gekannt hat.
Für diesen Prozeß einer Vervielfachung der einzelnen Menschen braucht man ein langes Leben. Es mag viele Nachteile haben, alt zu sein. Es hat unvergleichlich größere Vorteile.
Da ist zum Beispiel das Wagnis der Erinnerung. Man darf sich ihr hingeben, ohne Götzenkult mit sich zu betreiben. Es ist ein unendlicher Reichtum an Dingen da, die alle zu erforschen wären. Unerschöpflich die Welt, die der Mensch aufgenommen hat, phantastisch die Formen, die Dinge in ihm angenommen haben. Selbst die Entstellungen haben ihre Wahrheit, wenn sie nur klar genug gefaßt werden.
Ein anderer Nutzen, für den ich dieses kalte Wort nicht scheue, wäre die Prüfung der Moralgesetze, die einem früh eingesagt wurden, nach denen man im großen und ganzen gelebt hat. Stimmen sie? Oder sind sie nicht fein genug? Bedürfen sie einer Korrektur? Wie soll man das wissen, ohne ihre Erfahrung über lange Strecken der Zeit und ohne Einsicht in diese Erfahrung?
Selbst der furchtbarste Nachteil eines langen Lebens, das was daran so entsetzlich erscheint, daß man sich manchmal versucht fühlen könnte, es darum allein zu beenden – die Tatsache, daß man so viele überlebt hat, ist nicht ganz so hoffnungslos, wie man denkt. Man kann nämlich die, die vor einem gestorben sind, zu ihrem Leben zurückholen, indem man sie darstellt. Das allerdings ist nicht eine Sache der freien Wahl, das zu tun ist eine oberste Schuldigkeit, und nur wer die Toten so darstellt, wie sie wirklich waren, ohne Abstrich und ohne Verklärung, der ist vor dem Schicksal derer geschützt, die sich an denen, die sie überlebt haben, mästen.
Das Alter ist eine Reduktion nur für den, der es nicht verdient. Man verdient es, indem man sich nicht zurückzieht, oder nur als Wechsel zu einer strengeren und anspruchsvolleren Form von Leistung. Sie setzt ein Leben für alle voraus, die gescheitert sind, aber auch für alle, von denen man spürt, daß sie vielleicht nicht scheitern werden. Ich möchte das das doppelte, das Janus-Gesicht des Alters nennen: das eine ist den Geschlagenen zugewandt, das andere denen, die noch nicht, ja vielleicht nie zu schlagen waren.
Nochmals: Zum Alter
Die Gelegenheit wird einem gegeben, manches wiedergutzumachen. Die immer gefährlichere Verfassung, in der die Welt sich findet, wie wirkt sie auf das Alter ein?
Alles Vergebliche. Vorsicht und Nachsicht.
Wie wirkt sich das Alter auf die Worte aus?
Sie werden einem sonderbar, als hätten sie ein Bewußtsein davon, daß sie nicht mehr ungezählte Male ausgesprochen werden.
Das Überwältigende neuer Freundschaften: der Aufwand, den sie machen, die Kraft, die sie aufbringen müssen, um sich gegen alte zu halten.
Es ist alles kostbarer, vielleicht weil es gezählt ist. Wunderbare Vergeblichkeit des Lernens zu keinem Zweck mehr, es ist nur Lernen an sich. Was man erlernt, dient nicht mehr der Expansion. An Sprachen macht man sich bloß heran, weil man sie nicht mehr sprechen wird, bestimmte Gedanken hat man, bloß weil es unwahrscheinlich geworden ist, daß sie sich wiederholen.
Das Nutzbare verliert an Bedeutung. Die Dinge bedeuten nur noch sie selbst.
Zwei Tendenzen, die sich nur scheinbar widersprechen, kennzeichnen die Zeit: die Anbetung der Jugend und das Absterben der Erfahrung.
Es gibt auch welche, die mit der Nichtigkeit des Lebens auftrumpfen und daraus eine unersättliche Anmaßung beziehen. Die den anderen nur als Gegenstand der Beschimpfung kennen, während sie jeden Abschaum ihres eigenen Rechts mit Zähnen und Klauen verteidigen. Man frägt sich, was aus solchen im Alter werden könnte: vielleicht Friedhofbesitzer.
Gegen die Anbetung der Jugend wäre nichts einzuwenden, solange es nicht die Jugend selber ist, die sich anbetet.
Die Darstellung des Absterbens, mehr als einem gelungen, scheint mir erschöpft. Es bleibt nun nur noch ein origineller Vorwurf: die Darstellung ihrer Verhinderung, ihrer bewußten Umwendung ins Gegenteil.
Für das Alter ließe sich sagen, daß es die Kostbarkeit des Lebens steigert.
Wer in einer Krankheit darum gekämpft hat, sich Schritt um Schritt und Qual um Qual das Leben zurückgeholt hat, der erst weiß ganz, was es wert ist. Mein höchster Respekt gilt denen, die sich ihr Leben wieder erworben haben.
Man sollte es wünschen, und es stünde besser um die Welt, wenn jedem diese Chance sozusagen offiziell einmal gegeben wäre. Statt dessen gibt es die läppischen, ewig fortgesetzten, tausendmal wiederholten Gesundheitsübungen der ohnehin Gesunden.
Der Hauptnachteil des Alters, und ein so großer, daß er beinahe alle Vorteile aufwiegt, ist, daß man kaum mehr an die anderen denkt.
Dagegen ist ein Kraut gewachsen: es heißt Unentbehrlichkeit. Was man weiß, das niemand weiß, was man sagt, das niemand sagen kann. Es soll so viel davon da sein, daß die anderen es spüren, es haben wollen und einen nicht in Ruhe lassen. Ihr Verlangen dient als Herausforderung, es zwingt einen zu reagieren, und indem man es hergibt, bezieht man sich doch auf die anderen.
Es ist also zu empfehlen, Alte nicht in Ruhe zu lassen, auf kluge Weise, die zu Ergebnissen führt, aber unablässig.
Mit der Rechthaberei ist es schwierig: am besten ist es, sie zu umgehen. Eine frontale Herausforderung ist hier nutzlos, eine sterilere Form des Kampfes ist fast nicht auszudenken.
Es mag lächerlich klingen, daß ein Alter davon spricht, wozu Alte noch nütz sind und wozu ganz unnütz, aber was ich sage, stammt nicht von heute, ich spreche aus sehr langer Erfahrung: Alte haben mich immer, schon in frühester Jugend, fasziniert; als Kind bin ich ihnen nachgerannt und habe über sie gestaunt und die, die viel zu erzählen hatten, hätte ich am liebsten am Rocksaum für immer festgehalten. Fassungslos war ich über die, die zu faul waren, etwas zu erzählen, das waren dann die falschen Alten, die, die sich bloß so ausstaffiert hatten, als ob sie’s wären.
Nichts wäre ich lieber gewesen als ein richtiger Alter, und so wie manche sich wünschen reich zu werden und an nichts anderes denken, bis es ihnen gelingt, so war mein heftigster Wunsch der, alt zu werden.
»… et je ne puis approuver que ceux qui cherchent en gémissant.«
Pascal
»Tout ce qui est incompréhensible ne laisse pas d’être.«
Pascal
Was wäre Isaak Babel später geworden? Nach aller Angst, nach der Geschicklichkeit des Entkommens?
Über geduckte Menschen hat man kein Urteil.
Im Grunde besteht seine Freiheit nur darin, daß er keine Befehle entgegennimmt und sich niemandem unterordnet.
Ist das aber nicht eben die Freiheit der Machthaber? Nein, diese erteilen selbst Befehle und betrachten alle anderen als untergeordnet.
Er atmet zu lang, um einen Hauch zu lang, und diesen Hauch empfindet er als seine Seele.
Er spuckt jeden an. Auch sich. Das nennt er seine Wahrheit.
Ohne geliehene Leben hält niemand es aus, das eigene genügt nicht.
Was einer von sich sagt, im Tagebuch, ist schon darum wahrer als alles Geschwätz der anderen, weil er es für eine lange Verborgenheit sagt, in der es wahr wird.
Die anderen werfen ihr Gerede hin, und es ist auf der Stelle unwahr.
Es wird ihm schwerfallen, sich von Goethe zu trennen. Er hat sich so viel von ihm aufgespart. Er verteilt ihn an immer spätere Jahre.
»C’est un grand signe de médiocrité de louer toujours modérément.«
Vauvenargues
Alles, was er angekündigt hat, bringt ihn zum Schweigen.
Was du gegen den Tod zu sagen hast, ist nicht weniger unwirklich als die Seelen-Unsterblichkeit der Religionen. Es ist sogar noch unwirklicher, denn es will alles bewahren, nicht nur eine Seele.
Eine Unersättlichkeit, die beinahe nicht zu begreifen ist.
VII
“Life is so delightful that I wouldn’t dare try imagining anything finer.”
Jules Renard
He sat there and spoke. For hours on end he sat there and spoke of his glory. He had no ulterior motive, the glory was sufficient in itself; hundreds of thousands bear his name.
For the act of defacement he assumes the clothing of eulogy.
Pets more important than money:
“For ten percent of Englishmen polled, pets were more important to their personal happiness than spouses. Twenty percent of those polled considered pets more important than children and more than a third of these valued their pets more than their work. Almost half of those interviewed thought their pets more important than money, and 94 percent preferred spending time with their pets to watching TV!”
“Sentimental”: what a word! I do have feelings and I will not be ashamed of them. I do not wish to suppress them: I want them. There are a great many of them, they contradict each other, they should not be reduced to a tepid median. If they lash out too violently, they may be calmed by being recorded.
However, it is true that I often found Rousseau, for instance, unbearable because of his sentimentality. That has to do with the fact that it’s impossible to really like someone who puts his feelings on show. They then become too corporeal and are too likely to feign selflessness.
But if we consider the emotional impact Rousseau has had on others, he appears immeasurably great, and it is of almost no consequence what effect his feelings had on himself.
There are certain simple qualities inherent in human beings for which one could sell one’s soul.
How handsome he becomes in remorse! But for whose benefit? Only the observer’s.
He feels like a thief of the world. Soon there will be nothing left for him to marvel at.
Depreciation through repetition. Excitement through repetition?
My greatest experience after Büchner was William Blake, in England.
My earliest childhood experience was Swift, in that same country.
England, for me, lies between Swift and Blake.
From here on, you will be given no new places. But how the old ones gain in strength! They virtually bury themselves in the ground, they send for you, they draw you to them, they call out, they scream, and it is very likely that they will, belatedly, split you apart.
With his Journal Jules Renard returned to me something I had lost a long time ago: the innocence of the French.
There is something about the Jews that continues to be amazing: their prophets’ scathing castigation of them. What a people—to include such reviling of themselves in their articles of faith!
No, I can’t get enough of anything!
I am still contained within life. I do not say: at last. I do not capitulate. It is humiliating to die without knowing whether a single human being will still be around in a hundred years. Dying used to be easier with the certain prospect of hell. But this prospect of no people left within the foreseeable future is the most horrible notion that ever was.
Nothing, nothing, nothing, and yet I still painfully miss everything, most of all the marvelous myths and tales. That these, the best in us, are doomed to vanish—because of us—that enrages me to the point of madness.
To whom could they be entrusted? Who will keep them safe through the winter? Who will repeat them from time to time, so that they may not disintegrate through being forgotten?
Do not let anyone dictate to you the tonality of hope.
“… for I am so full of the spoken word that I am fearful of the spirit’s breath within me.”
Job 32:18
Jeremiah, seeing that children had walked on the ground, threw himself down to kiss their tracks.
Today?
My stubborn resistance to the Bible, which kept me away from it for decades, has to do with the fact that I never wanted to submit to my origin. Wherever I opened the Bible, it seemed familiar to me, particularly when I happened on a passage I had not known. This innate intimacy filled me with distrust. I did not wish to lead a spiritual life which had been previously determined. I did not want a preordained spiritual life. I wanted to let myself be surprised and overwhelmed time and time again and thereby gradually become a friend of and an expert on everything human. I simply could not accept the great weight of the biblical tradition which has left its imprint on the world for so long, I had to secure a sufficiently heavy counterweight before surrendering to the Bible.
I think I have reached now a point where I may yield to the Bible without shame or vanity. I now wish to discover it, in all its concealments, without missing a thing. I wish to grasp it and hold it up against the myths of all the nations, the myths that have kept me sated. I wish to experience the effect of its wisdom, as if it were not already concealed within me. I wish to forsake the Bible, so as to experience it fully.
His memory diminished and he became a poet. Ever since he had to struggle to find his impressions and memories, these became unexpected and strange. In darkness they gained color. He had to stretch far to reach them. They did not appear right away. They became more urgent as they kept their distance, and they loosened up only as they sank into sleep. When they awoke, they were bathed in a dangerous light, which he was never able to recognize. He had to admit that he had not known himself until very old age and only very late did he gain the thirst for wonder. For what kind of wonder had that been that made him feel at home? Now, however, he was bold with intoxication, eager for every terrifying amazement, and in the end he put himself to such tests as to make the sparks fly!
He feels uncomfortable if his thoughts are taken literally.
Keep things apart, keep sentences separate, or else they turn into colors.
His truthfulness lies in his exaggeration. Whenever he does not exaggerate, he lies.
Humbleness: a late afterbirth.
The death of aphorisms lies in their similarity, their all too confusable form. Wilted even before having taken their first breath. In opposition: Joubert breathing his last.
You are least of all like the one you praise. Yet you praise him nevertheless, because you wish you were like him.
Two kinds of self-description: one through memory, one through inspiration. Both are legitimate. But do they apply to the same person?
Long-distance runner: he cannot bear a shadow on his shadow.
A life from one single letter.
Can you make allowances for someone who, for the sake of solitude, is willing to destroy the world?
All that we have forgotten secretly keeps us warm.
“Those who have kept their own personality are always enchanted by that of others, even if it is in opposition to their own.”
Joubert
This man has two languages: a high-flown, fanciful one with which he praises, plunders, and flatters a very few praiseworthy people, always on the most refined level and as if his language emanated directly from some kind of super-heaven and was devoid of all secular words. In his second language he describes the very same persons, but as if they were as low as he himself and as if all they had produced were utterly base. He delights in their misfortunes, he drenches and bathes them in envy and contempt. But this he never records, for he only writes in the other language, the one reserved for laudation.
What is memory?
One does what one was.
This sounds as if we were free to do so. But this is not the case at all, for we do not invent anything. We take a few steps and believe that we have determined them freely, but as soon as we have taken them we realize that they were really predetermined.
Only that which once has passed through memory can be recognized again.
The sadness of memory: what it has used up.
The joy of memory: its surplus.
The art of memory consists in its control.
What one leaves aside and what one circumvents.
The rare and the piled-up.
What pushes to the fore: distorted figures who need to rectify themselves. Why is it that we wish to keep some things alive and others not at all?
The diluted seeks to round itself out by means of speech. All sentences are to emerge once more from a single word. Connections understood for the first time. The unworthiness of amorphous agglomerations. What we have done to others calls them back to life. We are all in debt as if from several existences, even though we have lived only this particular life.

